Das Geheimnis der Urmenschen


Leseprobe

Birgit Brandl gründete nach dem Studium der Wirtschaftsmathematik eine Familie. Sie interessiert sich für Biologie, Geologie und Archäologie und hat für die Studiengemeinschaft "Wort und Wissen" als Lektorin wissenschaftlicher Bücher gearbeitet. Sie hat besondere Freude daran, komplizierte Sachverhalte mit einfachen Worten zu erklären.

Timo Roller ist Medieningenieur, Filmregisseur und Autor. Er ist Geschäftsführer der MORIJA gGmbH und hat Bücher geschrieben über Israel, biblische Archäologie und die Arche Noah. Seine Filme vermitteln wissenschaftliche und biblische Inhalte an Kinder und Erwachsene. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Die nachfolgende Leseprobe gibt es auch als PDF-Dokument mit Bildern zum Download.

Eine wundersame Entdeckung

Lena und Tom haben ein Geheimnis. Auf einer Abenteuertour durch das Felsental entdeckten die Geschwister vor einiger Zeit eine wundersame Höhle.

Und das kam so: Immer wieder sind Lena und ihr jüngerer Bruder Tom auf Streifzug im Felsental. Das ist ein ausgetrocknetes Tal ganz in der Nähe ihres Heimatdorfes. Nur nach einem richtig starken Regen fließt in der Mitte ein kleiner Bach. Die Felsen auf beiden Seiten eignen sich prima zum Erkunden der Natur und zum Versteckenspielen.

Lena hat ein neues Versteck gefunden: Mehrere Felsen stehen neben- und hintereinander wie ein Labyrinth. Ganz hinten in der Nische möchte sich Lena gerade verstecken. Und da sieht sie …

Nein, da kann sie nicht warten: »Tom, komm schnell mal her und schau, was ich gefunden habe!« In der Mitte der Felswand zwischen zwei großen Gesteinsbrocken hat Lena etwas Besonderes entdeckt.

»Guck mal hier: Eine riesige Schnecke, die nur zur Hälfte aus dem Stein herausragt.«

»Das ist doch keine Schnecke«, entgegnet Tom. »Das ist ein versteinerter Ammonit! Wow – und was für ein großer!«

Fossilien und Dinosaurier sind Toms große Leidenschaft seit er ein kleiner Junge war. Vielleicht kann er die Versteinerung aus dem Fels herauslösen. Das wäre ein Blickfang für seine Fossiliensammlung! Tom fasst das schneckenförmige Gehäuse an, zieht, kratzt und … dreht. Der Ammonit lässt sich ein Stück verdrehen, löst sich aber nicht heraus. Dafür öffnet sich zwischen den Felsen plötzlich eine Spalte!

Etwas Rauch kommt aus dem dunklen Loch, das sich vor den beiden geöffnet hat. Tom hat ein bisschen Bammel und so ist es Lena – sie ist immerhin drei Jahre älter! –, die schließlich den Mut aufbringt, ein paar Schritte in die Höhle hineinzugehen.

Im schwachen Licht ihres Handy-Displays sieht Lena die Umrisse einer merkwürdigen Gestalt. Als sich ihre Augen langsam an das Schummerlicht gewöhnt haben, fährt ihr ein Schauer über den Rücken. Doch gleichzeitig sagt eine tiefe, freundliche Stimme zu ihr: »Guten Tag, junge Dame!«

Verdutzt blickt sie in das Gesicht eines Drachen! Kleine Rauchwölkchen kommen aus seiner Nase und steigen zur Höhlendecke. Wenn er nur kein Feuer spuckt!

Auf seiner Nase sitzt eine Nickelbrille vor geheimnisvoll funkelnden Augen. Doch eigentlich sieht dieser Drache sonst ganz harmlos aus: Über seiner schuppigen Haut hat er einen weißen Laborkittel an und trägt eine schiefhängende rot-weiß-gestreifte Krawatte – Lena kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Dann bemerkt sie, dass ihr Handy nicht die einzige Lichtquelle ist: Hinter diesem seltsamen Reptil, das wie ein Arzt oder Chemielehrer wirkt, leuchtet der Bildschirm eines Computers. Darauf blinkt hektisch eine Alarmmeldung: »Eindringlinge!« Die Lampe an der Decke leuchtet nur ganz schwach.

»Hallo«, kann Lena nur erwidern. »Wer sind Sie denn?«

»Meine Name ist Professor Doktor Facto«, sagt der Drache. »Ich bin der einzige Drache mit Doktortitel! Wie hast du mein geheimes Labor gefunden?«

»Mein Bruder hat an der versteinerten Schnecke rumgefummelt und plötzlich …«

»Das ist keine Schnecke, sondern ein Ammonit, junge Dame«, verbessert der Drachenprofessor und Lena verdreht die Augen – noch so ein Besserwisser! »Oh, mein Bruder steht immer noch draußen, er traut sich wohl nicht herein.«

»Schnell, hol ihn her! Bevor er Hilfe holt und noch andere von euch Menschen kommen. Das hier muss geheim bleiben. Versprich, dass ihr niemandem von eurer Entdeckung erzählt.«

»Okay. – Aber vor meinen Eltern kann ich das auf keinen Fall geheimhalten!« entgegnet Lena.

»Klar, außer euren Eltern. Es wäre nicht gut, wenn ihr ihnen das hier verheimlichen oder sie sogar anlügen würdet. Aber sie dürfen nichts weitersagen. Sonst kommen hier bald noch scharenweise Touristen!«

»Ja, geht in Ordnung«, sagt Lena und holt Tom in die Höhle herein. Sicherheitshalber lässt sie aber mal die Felsentüre offen – sie ist immer noch etwas misstrauisch in dieser äußerst seltsamen Situation.

Sprachlos starrt Tom den Drachenprofessor an. Dann sagt er: »Wow, ich glaube, ich träume.«

»Nein, du träumst nicht, mein Junge. Ich gebe zu, das alles muss euch schon recht merkwürdig erscheinen. Aber die Forschungen, die ich in meinem geheimen Höhlenlabor betreibe, sind noch viel außergewöhnlicher als die Tatsache, dass ich ein Drache bin, der Menschensprache spricht und Wissenschaftler ist.«

»Woran forschen Sie denn?«, fragt Lena.

»Ich erforsche die Frühgeschichte der Menschheit und der Erde. Wie ihr sicher wisst, finden Wissenschaftler viele Überbleibsel aus der Vergangenheit, zum Beispiel Knochen oder Fossilien. Anhand von Gesteinsschichten oder der Gestalt von Flussläufen und Gebirgen kann man einschätzen, wie diese Landschaftsformen entstanden sein könnten. Aber selbst bei noch so gründlicher Forschung können sich die Wissenschaftler nur selten ganz sicher sein, wie etwas tatsächlich in der Vergangenheit passiert ist. Sie waren ja nicht selber dabei. Die Erforschung unserer Frühgeschichte ist wie das Zusammensetzen eines Puzzles, von dem sehr viele Teile fehlen! Denn auch wenn Überreste eines Menschen gefunden werden, fehlt doch noch Vieles, was man gerne wissen würde: Welche Hautfarbe hatte er – oder sie? Wie genau hat dieser Mensch gelebt, gesprochen, gedacht? Manches, was ihr heute in Schulbüchern lest, sind nur Vermutungen. Manchmal kann man die Fakten auf verschiedene Weise interpretieren. Immer wieder gibt es überraschende Fortschritte, die neue Erkenntnisse bringen: Zum Beispiel haben Wissenschaftler, die das menschliche Erbgut erforschen, herausgefunden, dass einige Neandertaler wahrscheinlich rote Haare und eine helle Haut hatten.«

Prof. Dr. Facto fügt hinzu: »Ich habe aber neuerdings ein sehr außergewöhnliches Mittel, die Überlegungen der Forscher zu überprüfen, denn ich habe vor einigen Monaten ein Zeitlabyrinth entdeckt, genau hier in dieser Höhle.«

»Und durch dieses Zeitlabyrinth können Sie in die Vergangenheit reisen …?« fragt Tom gespannt.

»Genau. Und dazu habe ich hier noch einen Apparat an meinen Computer angeschlossen«, fährt der Drachenprofessor fort. »Den nenne ich ›Chronolomat‹. Ich habe nämlich festgestellt, dass die Zeitangaben, die ich in wissenschaftlichen Texten gefunden habe, zu seltsamen Ergebnissen führten: Ich reiste jedesmal weiter zurück in die Vergangenheit als erwartet! Mein Chronolomat rechnet die Werte in die wirklichen Zeiträume um und aus diesen bestimmt mein Computer den richtigen Weg durch das Labyrinth.«

»Das klingt ja tatsächlich fast noch verrückter als ein Drachenprofessor in einem Höhlenlabor«, kommentiert Lena. »Ich kapier das nicht so richtig: Was haben Sie denn nun zum Beispiel erforscht?«

»Zum Beispiel habe ich ergründet, dass die Menschen nicht von den Affen abstammen, sondern schon immer kluge, begabte, sprechende Menschen waren. Sogenannte Übergangsformen gibt es nicht.«

»Meinen Sie wirklich? Das hört sich mega-spannend an«, sagt Tom.

»Möchtet ihr mein Zeitlabyrinth einmal besuchen? Seht ihr diesen Eingang dort?« fragt der Professor.

Lena und Tom erkennen eine Öffnung, hinter der sich der Weg offensichtlich bereits nach wenigen Metern in mehrere Gänge verzweigt, die anscheinend tief in die Erde hineinreichen – ja, tief in die Vergangenheit, wie der Professor erklärt. »Die Ausgänge der Höhle führen in vergangene Zeitalter der Geschichte; man kann dort beobachten, was sich vor langer Zeit zugetragen hat.«

»Wirklich?« fragt Tom. »Könnten wir durch diese Gänge sogar zu den Dinos gehen?«

»Nun, welche Zeit meinst du denn genau? Was müsste ich denn in meinen Computer eingeben?« Prof. Dr. Facto schaut erwartungsvoll.

»Naja, die Dinosaurier sind vor 65 Millionen Jahren durch einen Meteoriteneinschlag ausgestorben. Vielleicht sollten wir zur Sicherheit ein paar Millionen Jahre vorher ansteuern. Nicht, dass uns der Komet auf den Kopf fällt!«

»Gut, ich gebe ein: 70 Millionen Jahre vor heute. Mal sehen, was der Chronolomat dabei ausspuckt.«

Tom widerspricht energisch: »Den brauchen wir doch gar nicht! Das weiß doch jedes Kind, wann die Saurier ausgestorben sind. Wir haben das in der Schule gelernt und es steht so auch in allen meinen Dino-Büchern.«

»Wie du meinst«, sagt Dr. Facto mit einem gutmütigen Lächeln: »Dann geben wir die 70 Millionen also direkt in den Computer ein. Wisst ihr noch, dass ich vorhin etwas von ›seltsamen Ergebnissen‹ erzählt habe? Ihr werdet sehen …«

Sogleich fängt der Computer an zu rattern und gibt eigenartige Geräusche von sich, dann wirft der Drucker ein Stück Papier aus. »Hier, das ist der Plan für das Höhlenlabyrinth. Er wird uns zum gewählten Ausgang führen. Sooo weit bin ich selbst noch nie in die Vergangenheit gereist«, sagt er – mit einem von den Kindern unbemerkten Schmunzeln.

= Die erste Zeitreise =

Mit einer starken LED-Taschenlampe ausgestattet gehen die drei immer weiter hinein in die Höhlengänge, sie steigen steile Wege hinunter, biegen nach den Angaben der Karte an Weggabelungen ab, marschieren durch lange, kalte Gänge und erreichen schließlich eine scharfe Biegung.

»Gleich haben wir unser Ziel erreicht«, bemerkt der Drachenprofessor und studiert noch einmal die Computerkarte.

Tatsächlich endet der Gang schließlich und vor ihnen liegt – nichts!

»Sind wir jetzt mitten im Weltall?« fragt Tom. »Aber ich sehe nicht einmal irgendwelche Sterne. Wo sind wir?«

Lena meint: »Das könnte vielleicht ein Schwarzes Loch sein.«

»Nein, kein Schwarzes Loch. Es ist viel harmloser, denn ein Schwarzes Loch würde uns in sich aufsaugen. Vor uns liegt tatsächlich nichts: Wir befinden uns in einer Zeit, in der es einfach gar nichts gibt. Die Erde ist noch nicht erschaffen worden.«

»Aber die Erde existiert doch schon seit vielen Milliarden Jahren?!« ruft Tom.

Der Drache fragt nachdenklich: »Bist du Dir da so sicher?«

Wieder schmunzelt Prof. Dr. Facto. Da hatte er wohl schon früher etwas Wichtiges herausgefunden, dem die Kinder noch auf die Spur kommen würden …

Ötzi in Bedrängnis

Die Stunden nach den Besuchen bei Prof. Dr. Facto sind geprägt von langen Diskussionen zwischen Lena und Tom sowie mit ihren Eltern. Die einleuchtenden Antworten des Drachenprofessors werfen neue Fragen auf.

Lena denkt darüber nach, was sie im Biologieunterricht gelernt hat – von der Entwicklung des heutigen intelligenten »Homo sapiens« aus affenähnlichen Vorfahren. Weil ihr das Thema keine Ruhe lässt, fragt sie beim Abendessen in die Runde: »Es ist doch schon seltsam, dass so viele Menschen – Wissenschaftler, Lehrer, Journalisten – glauben, dass die Menschen früher primitiver waren und gemeinsame Vorfahren mit den Affen haben, oder?«

»Ja, in der Fernsehdokumentation neulich haben die Neandertaler rohes Fleisch gegessen, ›Ugga, Ugga‹ gemacht und erst im Laufe der Jahrtausende durch Zufall entdeckt, wie man Feuer macht«, grinst Tom. »Die Neandertaler, die uns Prof. Dr. Facto beschrieben hat und die wir auf der Zeitreise beobachtet haben, sahen aber längst nicht so doof aus wie die im Fernsehen. Und auch die Wissenschaftler sehen das doch so. Es scheint, als seien die Fernsehdokus gar nicht auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand!«

»Na, die sollten echt mal besser recherchieren«, lacht Lena. »Oder die alten Sendungen in den Müll werfen, wenn sie überhaupt nicht stimmen.«

»Feuer machen ohne Feuerzeug oder Streichhölzer ist gar nicht so einfach. Ich wüsste nicht, was ich da machen müsste«, geht Mama auf das angesprochene Thema ein.

»Ich auch nicht«, sagt Papa. »Und ein Messer mit Steinklinge ist zwar nicht so gut wie eines aus Metall. So eine Klinge selber herzustellen ist bestimmt viel schwieriger, als in den Laden zu gehen und eines zu kaufen. Da müsste ich erstmal im Überlebensführer nachschlagen. Bei vielen Dingen bin ich sehr froh, dass man sie kaufen kann und nicht selbst herstellen muss.«

»Wie war das eigentlich mit diesem Ötzi? Den hat man doch sehr genau untersucht und an ihm müssten wir doch sehen, ob er wirklich genauso intelligent war wie wir«, will Lena wissen.

Tom fragt: »Genauso intelligent wie w e r ?«.

»Brich keinen Streit vom Zaun, Tom«, entgegnet Mama. »Vielleicht war er ja klüger als wir alle zusammen.«

Lena sieht ihren Bruder grimmig an, aber als er ihr grinsend ein »Sorry!« zuflüstert, grinst sie zurück und boxt ihn leicht an die Schulter.

Um die Stimmung wieder vollends aufzuheitern, ruft Tom voller Begeisterung: »Das wäre doch genau die richtige Frage für Prof. Dr. Facto.«

Am nächsten Morgen betreten sie voller Erwartung die Höhle. Kaum haben sie das Wort »Ötzi« ausgesprochen, ist der Drachenprofessor in seinem Element:

»Habt ihr Lust auf einen kleinen Ausflug zum Ötzi?« fragt Prof. Dr. Facto. »Das ist ein Reiseziel, das ich selbst schon seit einiger Zeit besuchen will, aber leider bin ich bisher noch nicht dazu gekommen. ›Ötzi‹ wurde 1991 in den Ötztaler Alpen gefunden. Manche nennen ihn auch einfach den ›Mann aus dem Eis‹. Er ist sozusagen der berühmteste unserer europäischen Landsleute, den wir aus der Steinzeit überhaupt kennen. Wobei man sich lange darum gestritten hat, ob er ein Österreicher oder ein Italiener war.«

»Warum das?« fragt Tom.

»Eine sehr interessante Geschichte: Die Stelle, an der man den Steinzeitmann gefunden hat, liegt hoch oben in den Alpen ziemlich genau an der Grenze zwischen diesen beiden Ländern. Nach langem Hin und Her hat man festgestellt, dass der Fundort um genau 93 Meter auf der italienischen Seite liegt. Daher wird die Mumie von ›Ötzi‹ in der Stadt Bozen in Italien aufbewahrt. Der Steinzeitmann stammte wohl auch von dort: aus Südtirol, also heute Italien. Das hat man bei Untersuchungen seiner Zähne herausgefunden. An der Zusammensetzung der Mineralien, die sich im Laufe des Wachstums in den Zähnen ablagern, kann man nämlich sehr genau erkennen, wo dieser Mensch in seiner Kindheit gelebt hat.«

Der Professor füttert den Computer mit den gewünschten Daten: 5300 Jahre vor heute, die Zeitangabe nach Meinung der meisten Wissenschaftler. Er schaltet auch für diesen kürzeren Zeitraum den Chronolomaten hinzu, auch wenn die Abweichung von der wirklichen Zeit nicht so groß sein kann wie bei den Neandertalern oder der Saurierzeit. Dann noch den Zielort: Tisenjoch, Ötztaler Alpen.

Wenn ihr den Fundort Ötzis mit Hilfe des Programms Google Earth ebenfalls besuchen wollt, gebt einfach diese Koordinaten in das Suchfeld ein: 46.7791N, 10.8404E

Eine Zeitreise in die Welt von Ötzi gibt es leider in Wirklichkeit ebenso wenig wie einen Drachenprofessor … Aber ihr könnt auf eurem Computerbildschirm die Berge dort sehen und es gibt auch schöne Fotos. Die Reise kostet nichts und man spürt über Google Earth die Kälte nicht …

= Die dritte Zeitreise =

Mit dem ausgedruckten Navigationsplan machen sich die Kinder zusammen mit Prof. Dr. Facto auf den Weg durch das Höhlenlabyrinth. Schon nach den ersten Metern kommt Lena wieder alles ganz anders vor als beim letzten Mal, obwohl sie noch nicht einmal eine Weggabelung erreicht haben. Schon seltsam, dieses Labyrinth, denkt sie.

Sie sind eine Weile unterwegs, als es plötzlich merklich kühler wird und Tom spürt, dass er nicht mehr richtig Luft bekommt. »Ich habe auf einmal so einen Druck auf den Ohren«, sagt er.

»Dann musst du kräftig schlucken«, rät ihm der Professor. »Das sorgt für einen Druckausgleich.«

Plötzlich stehen sie draußen, unter sich beeindruckende Berggipfel. Ein eiskalter Wind weht ihnen um die Ohren. Ihre dünnen Jacken bringen hier nicht viel. »Oh Mann, ist das hier kalt«, ruft Lena.

»Ja natürlich«, sagt der Professor. »Wir sind auf 3200 Meter Höhe! Schaut mal, da unten kommt ein Wanderer. Der wird mal ziemlich berühmt. Das weiß er aber noch gar nicht.«

»Na, für einen Wanderer ist er aber ziemlich schnell unterwegs«, kommentiert Lena.

»Ich glaube, der flüchtet! Dort, weit hinten, kommen noch einige Leute. Ich glaube, er hat Angst vor denen. Sonst würde er doch nicht so schnell gehen, oder?« Tom ist ganz aufgeregt. »Was hat der eigentlich an? Sieht komisch aus, ob das wohl warm genug ist?«

»Wahrscheinlich hat er es nicht so warm wie ihr. Seine Schuhe sind aus einem Heupolster, das von einer Lederhaut umspannt ist und von Grasschnüren zusammengehalten wird. Das ist sicher nicht besonders angenehm hier im Schnee. Vielleicht hat er gar nicht damit gerechnet, dass er in die Berge fliehen muss, sonst hätte er sich wärmere Schuhe anziehen können. Aber besser als gar nichts«, grinst Prof. Dr. Facto und deutet auf seine nackten, schuppigen Drachenfüße.

»Die Menschen zur damaligen Zeit hatten immerhin keine so empfindlichen Füße wie ihr Menschen heute, die ihr in gut geheizten Häusern wohnt und im Winter warme Stiefel mit dicken Sohlen tragt. Seine Hose ist übrigens aus Ziegenleder, seine Mütze aus Bärenfell – alles Marke Eigenbau«, erklärt Prof. Dr. Facto.

»Hm, die Mütze sieht schön kuschelig aus«, Lena klingt etwas neidisch.

»Was trägt er denn da in der Hand? Sieht aus wie ein Beil«, sagt ihr Bruder.

»Ja, sogar ein Kupferbeil. Das zeigt, dass er wahrscheinlich kein gewöhnlicher Mann war, sondern vielleicht ein Clan-Chef, ein Häuptling. Man schätzt sein Alter auf etwa 40 Jahre. Am Gürtel trägt er noch einen kleinen Dolch, der hat aber nur eine Steinklinge. Sie war sehr scharf, musste aber häufiger nachgeschärft werden. «

Lena schaut hinüber: »Jetzt ist er oben. Er stellt die Ausrüstung ab, ob er sich wohl eine Pause leisten kann?«

»Naja, er hat schon einigen Abstand. Er scheint ziemlich fit zu sein. Oh nein! …«

Lena erschrickt: »Was ist los, Tom?«

»Da hinter dem Felsen, da ist noch einer. Den hat Ötzi nicht gesehen. Er hat Pfeil und Bogen dabei, ich glaube, er möchte gleich auf ihn schießen«, beobachtet Tom.

Lena ist sehr besorgt: »Können wir ihm nicht helfen? Wir müssen ihn warnen!«

»Nein«, widerspricht der Drachenprofessor. »Das sollten wir lieber nicht tun. Wir beschränken uns aufs Beobachten. Sonst riskieren wir ein Zeit-Paradoxon.«

»Ein was?«

»Eine paradoxe Situation, die es nicht geben darf. Stell dir vor, wir greifen ein, retten Ötzi und er kommt mit dem Leben davon. Dann würde es keine Eismumie geben, die doch aber in Wirklichkeit im September 1991 gefunden worden ist. Wenn hier aber nichts gefunden worden wäre, hätten wir diese Zeitreise nicht gemacht und hätten ihm nicht helfen können, woraufhin er dann doch gestorben wäre …«

»Ähh … das ist kompliziert. Okay, dann halten wir uns eben raus«, Lena kneift resigniert die Augen zu.

Tom lässt aber nicht locker: »Oh nein, der Mann spannt seinen Bogen. Er wird gleich schießen! Wir können doch nicht einfach tatenlos zusehen!«

»Wir müssen weg«, ruft der Professor. »Schnell!«

Prof. Dr. Facto drückt auf den Knopf seiner Kontrolleinheit – einer Art Fernbedienung – und ein greller blauer Blitz leuchtet auf.

»Er wird jetzt sterben, richtig?« fragt Lena leise im Dunkel der Höhle.

Der Professor knipst seine LED-Taschenlampe wieder an. »Ja, leider. Aber das ist nun schon ein paar tausend Jahre her.«

»Wenigstens ist es hier im Höhlenlabyrinth schön warm«, möchte Tom die trübe Stimmung wieder etwas aufheitern.

»Kommt«, sagt Prof. Dr. Facto. »Wir gehen zurück ins Labor. Dort ist es noch wärmer und wir können uns ein wenig über die Zeit des Gletschermannes unterhalten.«

»Was denkt ihr nun: War Ötzi ein rückständiger Hinterwäldler?« fragt der Professor, als er vor seinem Computer sitzt und ein Foto des mumifizierten Mannes aufruft – ein eigenartiger Anblick, bei dem es die Kinder gruselt.

»Uh!« macht Lena und wendet sich schnell vom Computerbildschirm ab. »Lebend war er mir wesentlich sympathischer. Bis auf seine vielleicht etwas altmodischen Klamotten hat er keinen rückständigen Eindruck gemacht. Ich glaube, er war sehr geschickt und klug. Auch wenn seine Flucht leider erfolglos war.«

»Immerhin war auch der Bogenschütze ziemlich gut. Die Waffen waren wohl schon sehr zielgenau«, fügt Tom hinzu. »Und für die Herstellung seiner Kleidung und Ausrüstung musste er handwerklich schon was drauf haben. Dieser Schuh aus Leder und Heu ist ja echt genial. Oder ob es jemand für ihn gemacht hat? Konnte er das vielleicht sogar kaufen?«

»Ihr habt das gut erkannt«, Prof. Dr. Facto ist stolz auf seine beiden Schüler. »Die Menschen damals waren nicht dümmer oder ungeschickter als die heutigen. Sie hatten nur noch nicht so viele Erfindungen gemacht. Vieles wurde selbst hergestellt, es gab keine Kleiderfabriken. Und doch haben sich wahrscheinlich manche Menschen auf das Nähen von Kleidern spezialisiert, andere auf die Herstellung von Waffen. Dann wurden die Dinge getauscht und damit gehandelt.

Zu der Mumie muss ich noch eines sagen: Ötzi besteht im wahrsten Sinne nur noch aus Haut und Knochen: Es ist schwierig, daraus das Gesicht eines lebenden Menschen zu rekonstruieren. Die Form wird ganz wesentlich von den Gesichtsmuskeln, dem Fett und den Sehnen bestimmt. Wenn das alles fehlt, können die Wissenschaftler nur Vermutungen anstellen. Aber die neueren Rekonstruktionen sind viel besser als die alten. Hat man als Überrest eines verstorbenen Menschen nur einen Schädel, wird es natürlich noch viel schwieriger. Insofern war der Fund der Ötzi-Mumie für die Forschung ein Glücksfall: Das organische Material seines Körpers und seiner Ausrüstung ist nicht verrottet, wie das normalerweise passieren würde. Ötzi starb auf dem Eis und es hat kurz darauf sehr viel daraufgeschneit, sonst hätten ihn wahrscheinlich Vögel angefressen. Er wurde richtig gefriergetrocknet! Dadurch können die Forscher heute die Gesichtsform und die Körperhaltung genauer bestimmen als nur anhand eines Skeletts. Das Sensationelle an Ötzi ist auch, dass auch seine Ausrüstung vollständig erhalten geblieben ist und die Forscher daraus sehr viel über seine Lebensweise und seine Fähigkeiten lernen können. Es ist sogar nachvollziehbar, was er gegessen hat, denn im Darm der Mumie fand man noch Überreste davon.«

»Okay«, sagt Tom langgezogen. »Der Job eines Wissenschaftlers scheint nicht immer so angenehm zu sein. Aber es ist schon interessant, was sie dann so alles herausfinden.«

Der Drachenprofessor fährt fort: »Und noch etwas: Ungefähr zur selben Zeit, in der Ötzi gelebt hat, wurden schon die Pyramiden in Ägypten und die Steinkreise von Stonehenge in England errichtet. Als Ötzi in einer Steinzeit-Kultur lebte – das ist aber gar nicht ganz richtig, denn er hatte ja bereits ein Kupferbeil – waren in Ägypten und auch im heutigen Irak schon große Zivilisationen entstanden. Da wurden Städte, Paläste und Tempeltürme gebaut. Auch die Bibel berichtet uns ja vom Turmbau zu Babel und von der Gründung großer Städte in der Frühzeit der Menschheit. Allerdings gab es auch später Menschen, die jagten und je nach Region in Höhlen wohnten. Die sogenannten Höhlenmenschen gab es also auch zu Zeiten, als andere schon seit langer Zeit in Städten wohnten. Und in Europa gab es schon früh die rätselhaften Megalithkulturen, die zum Beispiel das weltberühmte Stonehenge gebaut haben.«

Der Drachenprofessor fügt hinzu: »Steinzeit ist übrigens auch heute noch! Die Ache-Indianer im Dschungel Paraguays oder der Hadza-Stamm in der afrikanischen Steppe – sie leben heute noch so wie die Steinkulturen vor vielen tausend Jahren. Daher gab es in Wirklichkeit gar keine Höherentwicklung, die Menschengruppen leben heute und früher einfach auf sehr unterschiedliche Art und Weise.

Natürlich gab es seit den großen Hochkulturen in Babylonien oder Ägypten auch später viele wichtige Erfindungen. Was einmal erfunden worden ist, konnten die Nachfahren nutzen und weiterentwickeln. Zum Beispiel Jagdwaffen wie Pfeil und Bogen oder das Herstellen von Rädern. Aber durch Kriege oder Katastrophen passierte es immer wieder, dass Menschen fliehen und in einer neuen Heimat von vorne anfangen mussten. Denn was nützten ihnen zum Beispiel ihre Räder, wenn sie in einer sumpfigen Gegend wohnten? Dann haben sie ihr Gepäck halt wieder auf den Rücken genommen. Oder wenn Aussiedler fernab der Heimat ein kleines Dorf gründeten: Dann brauchten sie nicht mehr zu wissen, wie man einen Staat verwaltet.

Die Familien bekamen viele Kinder. So wurden aus kleinen Sippen große Stämme und der Platz zum Leben reichte nicht mehr aus. Durch dieses Bevölkerungswachstum mussten Menschen in neue Gebiete auswandern, wo sie dann einige ihrer Technologien nicht mehr verwenden konnten – weil es die nötigen Rohstoffe dort nicht gab oder weil sie in der neuen Umgebung als Nomaden den Tierherden hinterherziehen mussten und nur wenige Gegenstände mitnehmen konnten. Deshalb waren diese Menschen aber nicht primitiver oder weniger intelligent. Sie nutzten ihre Intelligenz, um unter neuen Lebensbedingungen zu überleben, erfanden Dinge, die in der neuen Situation nützlich waren und machten das Beste daraus.«

Der Drachenprofessor macht es sich in einem großen Schaukelstuhl bequem.

»Noch einmal zurück zu Ötzi: Die Wissenschaft hat sich sehr ausführlich mit ihm beschäftigt. Er hat tolle ›Funktionswäsche‹ aus Leder, Gras und Heu angehabt, fast besser, als die Kleidung, die man noch vor 100 Jahren trug. Klar, unsere industriell gefertigte und nach neuesten Forschungsergebnissen produzierte Funktionskleidung ist noch besser. Aber zu Ötzis Zeiten gab es auch schon sehr ausgeklügelte Kombinationen aus den verschiedenen Materialien. Er trug sogar ein Erste-Hilfe-Set bei sich: Der sogenannte ›Birkenporling‹ ist ein Pilz mit entzündungshemmender Wirkung – ähnlich wie Antibiotika.«

»Ziemlich cool!«, kommentiert Tom.

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