Völlig unvorbereitet trifft Jörg Breitling die Nachricht vom Tod seines Zwillingsbruders Martin, damals 24 Jahre alt: Aus ungeklärten Gründen war dessen Auto von der Straße abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Martin war sofort tot. Für Jörg Breitling bricht eine Welt zusammen ...

Es war der 14. Oktober 1994. Ich war auf dem Weg nach Hause zu meinen Eltern. Meine Mutter hatte mich angerufen und mir nur gesagt, mein Zwillingsbruder Martin habe einen Unfall gehabt. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt von Martins Tod selber noch nichts erfahren.

Zufällig kam ich unterwegs am Unfallort vorbei. Ich hielt an. Die Polizei war noch dort anwesend. Als ich einen der Polizisten fragte, was passiert sei, erhielt ich zur Antwort: »Er ist tot, so hart es auch ist.« So traf mich Martins Tod ohne jede Vorbereitung.

In den ersten Minuten und Stunden konnte ich gar nicht erfassen, was sich ereignet hatte, und in den folgenden Tagen nach Martins Tod empfand ich eine starke innere Leere. Dass er nicht mehr da war und ich ihm hier auf der Erde nicht mehr begegnen würde, konnte ich zunächst nur im Kopf begreifen.

 

Alles geteilt

Als mein Zwillingsbruder stand mir Martin schon seit eh und je sehr nahe: Als Kinder spielten wir zusammen, gingen in dieselbe Klasse, teilten bis zum Ausbildungsbeginn das Zimmer...
Wir machten viel Musik miteinander und verbrachten dadurch sehr viel Zeit zu zweit. So spielten wir zusammen in einer Band, die wir gemeinsam gegründet hatten. Aber wir verbrachten nicht nur sehr viel Zeit miteinander, sondern redeten auch über vieles, was sonst nicht jeder erfuhr. Wir unterhielten uns über manche Probleme und Schwierigkeiten und korrigierten uns auch manchmal.

Erst als ich meine Ausbildung am Theologischen Seminar der Liebenzeller Mission begann - einen Monat vor Martins Tod -, wurde zwangsläufig unsere gemeinsame Zeit weniger. Als Martin mich am Abend vor dem Unfall in der Bibelschule besuchte, dachte ich zum ersten Mal, dass wir uns ein wenig fremd geworden wären.

 

... als ob er noch da wäre

Während der Beerdigung hatte ich das starke Gefühl, dass Gott mich trug. Ich wusste, dass Martin jetzt bei Jesus war und auch, dass sehr viele Menschen für uns als Familie beteten. Für manche Trauergäste war ich sogar ein Anstoß mit meiner »Gelassenheit«. Sie behaupteten hinter meinem Rücken, ich würde Ihnen etwas vorspielen, was aber nicht der Fall war.

Erst mit der Zeit kamen Gefühle von Aggression und Frust auf. Es gab Zeiten, in denen ich einfach so richtig »schlecht drauf« war. Denn obwohl mir vom ersten Augenblick an vom Verstand her bewusst war, dass Martin nie wiederkommen würde, dauerte es sehr lange, bis ich seinen Tod verarbeiten konnte. Bis heute träume ich ab und zu von Martin, als ob er noch da wäre. Manchmal begegnet er mir als mein Zwilling auch noch in meiner eigenen Mimik, in meinem eigenen Verhalten. Ich tue etwas und denke im selben Moment: Das könnte auch von Martin gewesen sein. Die Trauer oder das Bewusstsein seines Nicht-mehr-da-Seins zog sich bei mir über eine lange Zeit hin und bis heute, fast sieben Jahre später, gibt es kaum einen Tag, an dem ich nicht

irgendwie an Martin denke. Ich habe immer versucht seinen Tod nicht zu verdrängen, sondern Ihn bewusst zu verarbeiten. Geholfen hat mir dabei zum einen die Zeit, zum andern, dass ich versucht habe, immer wieder darüber nachzudenken und mit anderen darüber zu reden, die ebenfalls von Martins Tod betroffen waren.

 

Ehrlich nachgefragt

Eine Hilfe waren mir auch die Menschen, die ehrlich nachgefragt haben, wie es mir geht, immer wieder, auch noch ein Jahr später. Geärgert haben mich andere, die meine Art, mit der Sache umzugehen - zum Beispiel weinte ich bei der Beerdigung nicht - hinterfragten und mir vorwarfen, ich würde eine Maske tragen, hinter der ich aus Stolz meine echten Gefühle verbergen würde. Ich denke, man darf Menschen nicht in ein Schema pressen, auch trauernde nicht. Jeder Betroffene verarbeitet anders. Jeder empfängt auf seine Art auch Trost. Dem einen tut es gut, wenn man Ihn schweigend in den Arm nimmt und er wird dadurch getröstet, der andere möchte gerne immer wieder mit anderen darüber reden, wieder ein anderer braucht Abstand, eine Zeit lang das Alleinsein, um mit dem Geschehenen umzugehen, darüber nachzudenken.

 

Entscheidende Fragen

Das, was mich am meisten getragen hat und trägt, ist die Sicherheit, dass Martin bei Jesus ist und wir uns im Himmel wiedersehen werden. Mein Vertrauen zu Gott wurde durch den Unfall nicht infrage gestellt. Der Tod, Krankheit oder auch eine Geburt sind Punkte im Leben, an denen man sich wieder einmal auf die wesentlichen Dinge zurückbesinnt. Da ist es nicht mehr wichtig, wer deutscher Fußballmeister wird oder wer die Formel 1 gewinnt. Entscheidend werden andere Fragen: Was ist der Sinn des Lebens? und: Was kommt nach dem Tod? Die Vergänglichkeit des Lebens wurde mir neu bewusst. Letztendlich ist Jesus allein der Sinn meines Lebens, ich bin später einmal bei ihm. Dieses Bewusstsein machte mich mutiger, anderen von der lebendigen Hoffnung in Jesus weiterzusagen. Er ist der einzige Weg zu Gott (Johannes 14,6).

Einen Sinn kann ich hinter dem, was geschehen ist, nicht erkennen. Ich weiß nur, dass das, was Gott macht oder zulässt, einen Sinn hat und ich es später bestimmt
einmal erfahren werde.



(30) lebt in Bad Kreuznach und arbeitet als Pastor im Liebenzeller Gemeinschaftsverband.
Dieser Artikel von Jörg Breitling erschien in der Zeitschrift »dran - das Magazin zum Selberglauben«, Ausgabe Nr. 5/2001

 


 

 

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