
Lange Zeit war ich der Überzeugung, dass Gertrude Bell als erster Mensch ein Foto auf dem Gipfel des Cudi gemacht hatte. Doch während meiner Recherchen entdeckte ich im Juni 2009 ein noch älteres Bild: Das erste Foto wurde zehn Jahre vor Bells Besuch auf dem Gipfel aufgenommen und datiert aus dem Sommer 1899.
Johannes Lepsius (1858–1926) war evangelischer Theologe und gelangte zu größerer Bekanntheit als »Schutzengel der Armenier«.
Seine Kapitelüberschrift »Eine Besteigung des Ararat« im 1903 erschienenen Buch »Ex Oriente Lux« erläutert er im Untertitel: »Nicht der Masis an der Grenze Russlands, sondern der Dschudi am Nordrande von Mesopotamien ist nach orientalischer Überlieferung der ›Ararat‹ der Schrift«.
Sein Bericht von der Ankunft auf dem Gipfel liest sich wie folgt:
»Es war Mittag, als wir auf der Spitze anlangten, und die letzte mit flacher runder Wölbung ansteigende Höhe heranritten. Vor uns lag ein viereckiger Bau aus behauenen Steinen roh aufgeschichtet; man hätte es für einen primitiven Aussichtsturm halten können. Einige Reste von Gewölben ließen darauf schließen, dass hier einmal ein Kloster stand. Jetzt dienten die nach oben offenen Räume offenbar als Lagerstätte für die Pilger zur Zeit des Herbstfestes. Eine rohe Treppe führte auf eine ummauerte Terrasse, an die sich ein zerfallener Turm anschloss.
Nach Westen zu lehnte sich an einen langgestreckten Felsgrat ein zweiter roher Bau, von derselben Beschaffenheit und demselben Zweck dienend, wie der erste. […]
›Dort drüben‹ – er zeigte auf eine runde Terrasse, vielleicht 30 Meter unter uns, die von einem einsamen Baum beschattet war, – ›baute er den Altar und opferte und betete.‹ ›Im Herbst sind hier viele Menschen zusammen, die oft von weither kommen. Hier versammeln sich die Christen und drüben (bei dem andern ummauerten Platz) die Jesiden und die Muslims. Da wird geschlachtet und gegessen und gesungen.‹

Das im Buch abgebildete Foto ist untertitelt mit: »Dschudi, der Berg der Arche. Anbetungsplatz der Muhammedaner«