Bis heute verlief die Suche nach der Arche Noah im Sande. Trotzdem gibt es immer wieder Expeditionen, die sich aufmachen, Noahs Schiff oder was davon übrig geblieben ist, zu suchen.
Am spektakulärsten war wohl die Expedition des Forschers Fernand Navarra – er will am 6. Juli 1955 einen verfallenen Holzbalken in einer Gletscherspalte in 4300 Meter Höhe gefunden haben. Doch wie viele andere Berichte auch, hat sich dieser später als nicht beweiskräftig genug herausgestellt.
Es gibt aber Alternativen zum Berg Ararat an der türkisch-armenischen Grenze: zum Beispiel die geologische Formation Durupina, die an einen Schiffsrumpf erinnert. Der türkische Luftwaffenkapitän Ilhan Durupinar entdeckte die Stelle, als er 1959 für die NATO die Gegend kartografierte. Doch auch hier wurden keine Überreste der Arche gefunden. Ist die Suche nach weiteren Anhaltspunkten deshalb zum Scheitern verurteilt?
Mit dem Berg Cudi bringt nun der deutsche Autor und Medieningenieur Timo Roller – wie vor ihm schon einige andere – einen weiteren Kandidaten als Landeplatz der Arche ins Gespräch.
Roller weiss von Dokumenten aus dem 18. und 19. Jahrhundert, in denen die Rede ist von einem «syrischen» und einem «armenischen» Ararat oder «von der Lage des Gebirges Ararat und den mancherlei Meinungen darüber».
Heute befassen sich nur noch wenige Wissenschaftler mit der Sintflut, weil sie eine solche kaum für möglich halten. Den biblischen Bericht zählen sie zu den Mythen und Fabeln. Aber ist Timo Rollers These, die Arche nicht auf dem Berg Ararat zu suchen, nicht auch bibelkritisch? Der Bible-Earth-Fachmann sieht dies pragmatisch: «Selbst wenn die Arche Noah auf dem Berg Cudi und nicht auf dem armenischen Ararat gelandet ist, soll das kein Streitpunkt sein, ob die Bibel recht hat oder nicht.»
Roller befasste sich eingehend mit der Frage, welcher Ort denn mit der biblischen Bezeichnung «Gebirge Ararat» (1. Mose 8,4) gemeint ist. Die Bibel erwähnt den Ausdruck «Ararat» noch an drei weiteren Stellen: 2. Könige 19,37; Jesaja 37,38 und Jeremia 51,27. Damit gemeint ist das antike Königreich Uratu, das an den Norden Assyriens, den heutigen Irak, und an Syrien grenzte.
Der Historiker Flavius Josephus schrieb, die Arche sei auf einem Gipfel in Armenien gelandet. Zur Zeit Roms schloss das antike Armenien in seiner grössten Ausdehnung beide Berge, Ararat und Cudi, ein. Josephus berichtet weiter, dass auf dem Gebirge der Kordyäer ein Teil der Arche vorhanden sei. Die Kordyäer sind die heutigen Kurden.
Das Kordyäergebirge kann mit dem heutigen Berg Cudi an der türkisch/irakisch/syrischen Grenze gleichgesetzt werden. Eine apokryphe Schrift der frühen syrischen Kirche («Die Schatzhöhle») und der Koran nennen den Cudi als Landeplatz der Arche.
Namhafte Personen wie Johannes Lepsius (1899) und Gertrude Bell (1909) sowie in neuerer Zeit Friedrich Bender (1954) und Hans Thoma (1983) unternahmen Expeditionen auf diesen Berg. Lepsius entdeckte auf dem Gipfel Reste eines Gewölbes, das auf ein ehemaliges Kloster hinwies. Er beschrieb Altäre und Anbetungsstätten von Christen, Muslimen und Jesiden.
Bell machte auf ihrer Expedition Fotos dieser Ruine. Bender nahm Ausgrabungen auf dem Cudi vor und fand völlig zerfallenen, schwarzen Holzmulm. Chemische Analysen vor Ort zeigten dem Geologen, dass die Holzreste asphaltverklebt waren. Weitere Ausgrabungen konnten nicht durchgeführt werden, weil der Boden gefroren war. Im Niedersächsischen Landesamt für Bodenforschung in Hannover wurden diese Holzfragmente mit Hilfe der C-14-Methode auf ein Alter von 6500 Jahre datiert.
Bei seinen Recherchen traf Timo Roller im September 2009 in Landshut Hans Thoma, mit seinem Sohn Christoph, und ihren Begleiter Otmar Reiter. Roller erhielt eine Gesteinsprobe, bei der es sich wahrscheinlich um ein angekohltes Kalksteinstück
vom Berg Cudi handelt. Des Weiteren hatten die Mitglieder dieser Expedition am Fusse des Berges Silikonabdrücke gemacht von einem Flachrelief des assyrischen Königs Sanherib.
Aufgrund dieser Indizien untersuchte Timo Roller in mühsamer Kleinarbeit den Gipfel des Cudi, und zwar mittels Satellitenaufnahmen von Google Earth. Darin ist Roller Experte. Im Buch «Bible Earth» erklärt und dokumentiert er, wie sich mittels der Satellitensuche bekannte biblische Stätten finden lassen. Dazu liefert er rund 200 Koordinaten und viele archäologische Beschreibungen. Timo Roller macht Entdeckungsreisen am Computer.
Die Aufnahmen vom Berg Cudi verglich er mit den Fotos von Bell, Bender und Thoma. Durch viele Übereinstimmungen konnte er den mutmasslichen Landeplatz der Arche lokalisieren. Er liegt auf den Koordinaten 37.3670N, 42.4951E. Allerdings – um zu genaueren Ergebnissen zu gelangen, hält auch Roller eine Forschungsreise zum Berg Cudi für unumgänglich. Er geht jedoch davon aus, dass dies in der nächsten Zeit wegen der politisch angespannten Lage nicht möglich sein wird. Solange der Konflikt der türkischen Sicherheitskräfte mit der kurdischen PKK schwelt, ist an eine solche Expedition leider nicht zu denken.
Es gibt noch viele offene Fragen über die Zeit nach der Sintflut. Viele Informationen gingen verloren bei der Zerstörung der berühmten Bibliothek von Alexandria. Einige historische Daten blieben glücklicherweise durch die Werke der antiken Geschichtsschreiber wie Josephus
bewahrt.
Für einige Sachverhalte würde die Annahme des Berges Cudi als Landeplatz der Arche wesentlich einfachere Erklärungen bieten als der Berg Ararat:
- Direkt am Fusse des Cudi Dagh beginnt die mesopotamische Ebene, wo bekanntlich die älteste Hochkultur der Welt zu finden ist und wohin sich auch nach der Bibel die Menschen nach der Sintflut ausgebreitet haben.
- Der sog. «fruchtbare Halbmond» schliesst den Berges Cudi ein.
- In der Südosttürkei wird die Wiege des Ackerbaus vermutet.
Begann die Menschheit nach der Sintflut neu am Fusse des Berges Cudi?
Interessant ist auch die Schilderung des assyrischen Imperators Sanherib über seinen fünften Feldzug auf dem «Taylor-Prisma»: Sanherib spricht über einen Berg Nipur, dessen Städte er eroberte. Auf Reliefs am Berg Cudi wurden dieselben Inschriften gefunden und so liegt die
Vermutung nahe, dass der Cudi mit dem Berg Nipur gleichgesetzt werden kann.
Im Alten Testament wird von der Gottheit Nisroch gesprochen, die Sanherib nach einer verlorenen Belagerung Jerusalems in Ninive anbetete. Diese stand in Verbindung mit einem Stück der Arche Noah.
Rabbi Louis Ginzberg erwähnt in einer Aufarbeitung jüdischer Legenden diese Geschichte ebenfalls, ergänzt aber, dass der König eine Holzplanke der Arche Noah gefunden habe, die er als Götzenbild verehrte. Seine Söhne, die ihn nach seiner Rückkehr in Ninive ermordeten,
flohen laut 2. Könige 19,35–37 ins Land Ararat; andere jüdische Quellen nennen hier «Kardu» und weisen so auch auf den Berg Cudi hin.
Auch die syrische Bibelübersetzung «Peschitta», die in der syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien gebräuchlich ist, spricht in 1. Mose 8,4 nicht vom Gebirge Ararat, sondern von den Bergen von Kardo. Dies ist die antike Bezeichnung des Berges Cudi.
Heute spielt der rund 2100 Meter hohe Berg Cudi hauptsächlich im Islam und bei den Bewohnern in der Gegend des Gebirges eine Rolle. So wird zum Beispiel in Cizre das Grab Noahs verehrt und in Silopi steht ein Denkmal, das an die Sintflut erinnert. Das Wappen der Provinzhauptstadt Sirnak zeigt eine zwischen Bergen eingeklemmte Arche.
Weitere Expeditionen und wissenschaftliche Forschung in dieser Gegend sind erforderlich, um Genaueres sagen zu können.
Von Angelika und Roland Schwanecke. Dieser Artikel erschien im Magazin »ethos« 5/2010. Er kann auch als PDF gelesen und heruntergeladen werden.
